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Nationalpark ... Tierbeobachtungen ... Die Spuren der Sandregenpfeifer

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Die Spuren der Sandregenpfeifer

Da sind sie wieder, die Spuren der Sandregenpfeifer. Seit einem Jahr erkenne ich sie, und ich kann nicht mehr an den Strand gehen, ohne nach ihnen Ausschau zu halten. Wie das Gradnetz einer Landkarte durchziehen sie den feinen Ostseesand zwischen Spülsaum und Düne: Schnurgerade Linien winziger Trippelschritte, die einander fast im rechten Winkel kreuzen.

Im vergangenen Jahr habe ich die Sandregenpfeifer auf dem Darß zum ersten Mal gesehen. Die flinken lerchengroßen Watvögel sind gar nicht so selten, warum waren sie mir nicht schon viel früher aufgefallen?! Der Strandaufgang gegenüber der Reha-Klinik Ahrenshoop ist für Rollstuhlfahrer zu einer Rampe mit Bänken ausgebaut worden. Zu jeder Zeit herrscht hier reger Betrieb. Es war der 25. Mai. Viele Kurgäste genossen hier oben die ersten Sonnenstrahlen und den Blick auf das Meer. Ich wollte nach einer langen Strandwanderung noch etwas verschnaufen und setzte mich mit meinem Rucksack an den Fuß dieser Rampe.

"Vorsicht, hier ist ein Nest!" wurde ich von oben gewarnt. Es dauerte lange, bis ich den brütenden Vogel erkannte. Regungslos saß er zwischen Muscheln, Steinen und Halmen und schaute mir genau in die Augen. Was machte er da? Brütende Vögel brauchen Ruhe und Sicherheit, Störungen können den Bruterfolg gefährden, und dieser Sandregenpfeifer hatte sein karges Nest an diesen belebten Ort gesetzt!

Im Rucksack war mein Fotoapparat, aber ich wagte es nicht, mich zu bewegen. Plötzlich hörte ich ein feines Piepsen: tuiep, tuiep - Mama Sandregenpfeifer hatte Verstärkung gerufen. Ein zweiter Vogel tauchte auf und versuchte zu meinen Füßen durch eifriges Flügelschlagen meine Aufmerksamkeit zu erregen. Irgendwie konnte ich ihn davon überzeugen, dass keine Gefahr drohte. Er widmete sich wieder seiner Jagd nach Insekten und Würmern. Mit eingezogenem Kopf stürzte er davon, blieb plötzlich stehen, pickte nach Futter und trippelte mit den Füßen, um dann nach einer jähen Wendung um 90° schnell weiterzuflitzen. Nach zwei Stunden nahm die Vogelfamilie keine Notiz mehr von mir.

Am nächsten Tag das gleiche Spiel. Erst am dritten Tag nahm ich den Fotoapparat in die Hand, bevor ich mich wieder an meinen Platz setzte. Der Vogel auf dem Nest war ruhig, aber er behielt mich im Auge. Nach einiger Zeit ertönte wieder ein Piepsen, der herbeigeeilte Vogel beachtete mich diesmal nicht. Er tauschte mit seinem Partner den Platz auf dem Nest, damit dieser auf Nahrungssuche gehen konnte. In der warmen Mittagszeit verließ er dann selbst die wohlbehütete Brutstätte, um in der Nähe etwas zu fressen. Drei sandfarbene, dunkel gefleckte Eier kamen zum Vorschein. Der Sandregenpfeifer hatte sie mir anvertraut! Jetzt griff ich vorsichtig nach meinem Fotoapparat. Endlose Minuten gestattete ich mir nur die Bewegung meines Zeigefingers. Viele Fotos entstanden, ohne dass sich die Vögel davon stören ließen.

Am 29. Mai konnte man unter dem Flügeln des brütenden Vogels eine Bewegung wahrnehmen, und als er sich erhob, duckten sich drei winzige Federbündel in den Sand. Was für ein Anblick! Ich war sehr froh, dass sich die Beobachter auf der Rampe mit den Fotos auf meinem Display begnügten.

Am nächsten Morgen suchten wir vergebens nach der Vogelfamilie. Sie war spurlos verschwunden. Erst zwei Tage später tauchten alle am Spülsaum wieder auf, eifrig pickend und piepsend den Kontakt zueinander haltend. Es war ein sonniger Samstag, viele Urlauber waren am Strand unterwegs, Kinder bauten ihre Burgen zwischen den umherflitzenden Vögeln. Sie waren noch so winzig, kaum 4 cm groß. Welchen Gefahren werden sie wohl noch ausgesetzt sein, bis sie in zwei - drei Wochen flügge sind? Wir zogen uns alle vorsichtig auf die Rampe zurück, um von dort am Familienglück teilhaben zu können.

Eine einzelne Lachmöwe schwebte über uns. Plötzlich stürzte sie sich auf die Küken herab und wurde sofort von den wild flatternden und kreischenden Eltern in einen erbitterten Luftkampf verwickelt. Es half nichts, im Vorüberfliegen schnappte sich die Möwe ein Junges, warf es noch einmal in die Luft und fing es mit geöffnetem Schnabel wieder auf. Dann ein zweites. Stille. Die Eltern hatten mit dem dritten Jungtier das Weite gesucht.

Ob wir ihm wohl begegnen werden, wenn wir in diesem Jahr zwischen Dierhagen und Prerow am Strand spazieren gehen? Wir hoffen es.

Text und Bilder: Pia Kiss

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